Florenz

Dichtung und Wahrheit – oder: 'Alles Schlechte kommt aus Europa'?!

| Briefe aus Brüssel

Man kennt das: Besonders im 'Sommerloch', aber auch immer einmal wieder 'zwischendurch' tauchen sie auf: Moderne Mythen; Mythen über die EU. Es gibt viele - gute und weniger gute, neue und alte, und einige, die immer einmal wieder gern erzählt werden - mit mehr oder weniger Wahrheitsgehalt.

Bei uns in Deutschland geht es um Seilbahnen, krumme Gurken, Geld, um Steuern und oft, eher allgemein, um 'zu viel Macht für 'Brüssel'. Ich darf Ihnen versichern: Wir sind damit geradezu harmlos - es geht viel einfallsreicher! Die EU-Kommission hat dies erkannt und eine wirklich amüsante Zusammenstellung veröffentlicht. Denn dies ist wohl die einzige Art, mit derartigen Mythen umzugehen: Mit einem Lächeln.

Haben Sie Lust auf einige Leckerbissen?

Die gibt es nämlich wirklich - allerdings tun sich einzelne Staaten besonders hervor. So etwa Österreich: Hier formierte sich vor einigen Jahren Widerstand gegen eine angebliche EU-Richtlinie, die Lärmkontrollen in Konzertsälen forderte. Nun, ich darf allen versichern: Die EU hat nichts gegen ein ordentliches Fortissimo, wo Mozart, Strauß oder Beethoven das vorgesehen haben.

Auch Großbritannien gehört zu den aktivsten Mythen-Erschaffern. Seit vielen Jahren immer wieder ein sicherer Hit auf der 'Insel': Alles, was mit 'einheimischen' Maßen zu tun hat. Wann immer behauptet wird, die EU wolle (wahlweise) Kleidungsgrößen, acres, englische Biermaße oder Ähnliches abschaffen, schwappt eine riesige Protestwelle über den Kanal. Von den Briten stammt auch die Behauptung, die EU habe vor, Bauarbeitern untersagen zu wollen, mit nacktem Oberkörper zu arbeiten. Nun, kurz und knapp: Stein des Anstoßes war eine Richtlinie, die Arbeitnehmer vor zu großer Strahlung (z.B. durch Laser) schützen soll - was ja auch sinnvoll ist. Witzigerweise schaffte es diese Meldung auch bei uns in die Schlagzeilen - allerdings als 'Dekolleteeverbot' für das Oktoberfest. Auch bezeichnend, nicht wahr?

Einige Dinge verbreiten sich jedoch nicht weiter: Eine walisische Zeitung titelte 2001: 'Die EU verbietet den Landwirten das Traktor fahren'. Nun, da habe ich auch mich umgeschaut! Sollte ich als Landwirt da etwas verpasst haben? Nein. Fakt ist: Es gibt eine Verordnung zu "Vibrationen am Arbeitsplatz" und ja, in der Tat, Traktor fahren ist alles andere als gesund, aber wir verbieten doch Landwirten nicht das Traktor fahren. Im vorliegenden Fall ging es um eine Begrenzung der Fahrzeit für angestellte Arbeiter auf sieben Stunden am Tag - unter Bedingungen und unter Ausnahme selbstständiger Landwirte. Großbritannien (und somit Wales) haben der Verordnung übrigens zugestimmt...

In Osteuropa ist man eher um die Sicherheit besorgt. Sehr nett hier: Die Geschichte, die behauptet, 'Brüssel' wolle erzwingen, Warnhinweise und Gerüste für Bergsteiger anzubringen - oder die, die besagt, dass die EU Mitgliedstaaten dazu zwingen wolle, Schaukeln auf Kinderspielplätzen niedriger anzubringen, um Unfälle zu verhindern. Ich darf versichern: Beides stimmt nicht.

Weiteres großes Thema von Mythen: Unsere unterschiedlichen Essgewohnheiten. Sie sind ein Quell an Ideen, was die EU angeblich so alles plant. Dabei wurde ein Verbot von Grillaromen, das die Briten und die Italiener drohen sahen, ebenso nie diskutiert wie die Frage, ob man auch auf selbstgebackenen Kuchen Inhaltsstoffe deklarieren, man Joghurt anders benennen oder Heilkräuter verbieten müsse. Auch das oft angeführte Verbot für deutsches Schwarzbrot (angeblich sei es zu salzig) oder die Behauptung, die EU erlaube Blut in Schokolade stammen aus dem Reich der Mythen.

Allerdings: Es ist schade, dass es so einfach ist, Dinge zu behaupten, die den Ruf der EU nachhaltig schädigen - und das, wo sie doch wirklich eine Erfolgsgeschichte ist. Deshalb darf ich Sie aus ganzem Herzen bitten: Wenn Sie etwas lesen, dass Ihnen 'wunderlich' vorkommt, hinterfragen Sie die Nachricht zunächst einmal. Vielleicht handelt es sich auch in diesem Fall um einen Mythos, den man schnell aufklären kann…

 

 

Zurück