Florenz

Eine Patentlösung für all' unsere Probleme – oder: Was ist eigentlich "Nachhaltigkeit"?

| Briefe aus Brüssel

Die Landwirtschaft soll "nachhaltiger" werden, die Entwicklungshilfe ebenfalls und die DAX-Gewinne sowieso. Die Troika fordert von Griechenland eine "nachhaltige Haushaltskonsolidierung", die Kanzlerin wird seit Jahren vom "Rat für nachhaltige Entwicklung" beraten und im Juni trafen sich in Rio de Janeiro Vertreter von über 180 Staaten zur "UN-Nachhaltig-keitskonferenz". Egal ob in Politik, Wirtschaft oder im Supermarkt: Überall hört man dieser Tage von "Nachhaltigkeit".

... soweit, so gut. Aber was genau ist eigentlich 'Nachhaltigkeit'? Schaut man ins Lexikon, so erfährt man: "Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, die dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhält und seinen Bestand auf natürliche Weise regenerieren lässt". Die Definition stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft - erstmals wurde sie vor fast 500 Jahren in der kursächsischen Forstordnung niedergeschrieben.

Dem entsprechend ist das Wort nicht ganz so neumodisch, wie man vermuten könnte - und das führt zur Frage: Ist "Nachhaltigkeit" wirklich ein "Allheilmittel"? Wenn wir - bildlich gesprochen - seit 500 Jahren wissen, dass man nicht mehr Bäume in einem Wald abholzen darf, als wieder nachwachsen, warum betreiben wir dann immer noch Kahlschlag, ohne - um im Bild zu bleiben - Samen zur Wiederaufforstung bereitgestellt zu haben?

Ich vermute: Wir haben es bisher nicht geschafft, dieses Konzept konkret auf unser Handeln, auf unsere Art zu wirtschaften, zu übertragen. Die Lösung ist bekannt, aber noch steht sie nur im Lehrbuch. Wir müssen sie also in die Realität übertragen - das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.

Wie das funktionieren soll? Für mich liegt die Lösung in verantwortungsvollem Handeln. Es mag sich simpel anhören, doch bin ich der Überzeugung, dass der nachhaltig lebt, der sein Handeln an traditionellen moralischen Grundsätzen ausrichtet. Ich spreche hier von "konservativ" - aber im besten Sinne des Wortes. Für mich geht es hier um Respekt und den Willen, Dinge für die kommenden Generationen zu erhalten. Nichts anderes meint "konservativ" - es geht darum, zu "bewahren".

Anders gesagt: Wenn wir die Verantwortung, die wir tragen - für unsere Familie, unsere Kinder und Enkel, aber auch für unsere Mitarbeiter und Kollegen, Freunde und Bekannte - zum Maßstab unseres Handelns machen, wenn wir im Wissen um diese Verantwortung handeln und versuchen, zu "bewahren", dann kommen wir zu einem nachhaltigen Lebensstil, zu nachhaltiger Politik und zu nachhaltiger Wirtschaft.

Man darf allerdings die Realität nicht außer Acht lassen. Und dort zeigt sich: Nachhaltigkeit heißt auch "Maß halten" und langsam vorgehen. Nicht zuletzt die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, was passiert, wenn man althergebrachte Grundsätze über Bord wirft und nur noch nach schnellem Profit strebt, ohne dessen Auswirkungen zu hinterfragen.

Deshalb müssen wir zurückkommen zu einer Wirtschaft und einer Politik, die nicht auf den Quartalserfolg oder die nächsten Umfrageergebnisse schielt; wir müssen uns besinnen auf "bewahrende" Politik.

Das benötigt jedoch Durchhaltevermögen - und das ist leider oft eine endliche Ressource, nicht nur bei Politikern, sondern auch bei den Bürgern.

Deshalb mein Aufruf: Stärken Sie den vielen Politikern den Rücken, die das Wagnis eingehen, nicht den schnellen, oftmals einfachen Weg zu gehen. Lassen Sie uns Mut beweisen und zusammen, umsichtig und überlegt, Maßnahmen einführen, deren Erfolg wir heute und morgen vielleicht noch nicht sehen, die aber langfristig sinnvoll sind und uns helfen, dauerhafte, nachhaltige Werte für alle zu schaffen.

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