Florenz

Mehr Sachlichkeit beim Wolf: Ende des Brüssel-Bashing

Brüssel |

Der Wolf galt in weiten Teilen Europas über ein Jahrhundert lang als ausgestorben. Seit einiger Zeit ist er jedoch dank europäischer Naturschutzanstrengungen zurückgekehrt und in vielen EU-Ländern wieder heimisch – auch in Deutschland. Doch seine Rückkehr ist nicht unumstritten und führt mancherorts zu Konflikten. Vor allem zwei Themen sind Stein des Anstoß: die Bestimmung des günstigen Erhaltungszustands und Maßnahmen gegen Nutztierrisse. Oft wird Brüssel für alle Probleme rund um den Wolf verantwortlich gemacht, daher möchte ich als Europaabgeordneter und langjähriger Umweltpolitiker gerne zur Aufklärung beitragen und für ein Ende des Brüssel-Bashing in dieser Frage werben.

Oft hört man in Deutschland Kritik an der Bewertung zum günstigen Erhaltungszustand des Wolfes und gibt der EU die Schuld dafür. Doch gilt es festzuhalten, dass der Erhaltungszustand des Wolfs auf Basis eines umfassenden Monitoring von den Bundesländern gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz bewertet wird und am Ende eine gemeinsame, wissenschaftsbasierte Entscheidung steht. Laut der letzten Bewertung ist der Erhaltungszustand in Deutschland ungünstig und der Schutzstatus kann daher auch nicht gelockert werden. Die EU-Kommission ist an der Bewertung nicht beteiligt. Mögliche Kritik kann daher nicht der EU angelastet werden.

Der Wolf macht vielen Weidetierhaltern in Deutschland das Leben schwer – immer wieder wird von Nutztierrissen berichtet. Niemand möchte, dass Wölfe Jagd auf Schafe, Jungrinder und Fohlen machen, genauso wenig wie wir sie uns in Siedlungsgebieten wünschen. Trotz ihres europäischen und deutschen Schutzstatus können aggressive oder zutrauliche Wölfe sowie Wölfe, die regelmäßig Schutzzäune überspringen und Weidetiere reißen, auch heute schon entnommen werden. Wenn Vergrämungsmaßnahmen oder Präventionsmaßnahmen nicht greifen, muss im Notfall auch ein tödlicher Schuss fallen. Dazu bedarf es einer Ausnahmegenehmigung, die die zuständige nationale Behörde erteilt. Die EU-Kommission ist an diesem Verfahren erneut nicht beteiligt, wird aber unterstützend tätig: Sie erarbeitet gerade neue Leitfäden, um die Anwendung der Ausnahmetatbestände, bei deren Vorliegen ein Wolf entnommen werden kann, effizienter und einfacher zu gestalten. Denn leider hakt es manchmal daran, dass eine Entnahmegenehmigung erst nach Wochen vorliegt. Da wünsche ich mir auch raschere Entscheidungen der zuständigen deutschen Behörden.

Außerdem ist auch die Weidetierhaltung in Deutschland gefordert: Ich verstehe zwar Landwirte und Weidetierhalter, die 30 Jahre lang ihre Tiere frei auf der Wiese oder auf den Almen herumlaufen lassen konnten und daher von Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden wenig halten. Aber der Wolf ist nun mal zurück und auch der Mensch muss sich an die neue Situation wieder anpassen. Das dauert, muss entsprechend gefördert und finanziell unterstützt werden, aber es muss gemacht werden. Klar ist, dass es viele unterschiedliche Präventionsmaßnahmen gibt und natürlich nicht nur eine Lösung, die in jeder Region und auf jedem Betrieb funktioniert.

Und zum Schluss wünsche ich mir, dass wir mit mehr Sachlichkeit und lösungsorientiert an die Rückkehr des Wolfes herangehen. Ihn zu stigmatisieren, uns wolfsfreie Zonen zu wünschen oder Ähnliches hilft uns in der Sache nicht weiter. Mein Ziel ist es, eine friedliche Koexistenz zwischen dem Menschen und dem Wolf herzustellen und Konflikte vor Ort mit allen Betroffenen auszuräumen. Aus diesem Grund habe ich ein Pilotprojekt auf europäischer Ebene initiiert, das regionale Plattform mit europäischen Geldern fördern wird. Dort sollen alle Betroffenen und Interessenträger an einen Tisch kommen und gemeinsam eine Lösung für die bestehenden Konflikte mit dem Wolf und anderen Großraubtieren vor Ort erarbeiten. Ganz im Sinne von "Durchs Reden kommen die Leute zusammen".

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